Wie einige aus meinem Beitrag "Der Mann an der Tanke" vielleicht schon wissen, führt mein morgendlicher Weg zur Arbeit an einer Tankstelle vorbei. Ab und an fällt mein Blick dann auf Passanten die sich dort aufhalten. So auch wieder heute.
Ich sah eine Frau, die wunderschön gepflegte lange lockige Haare hatte. Haare, wie ich sie selbst gerne hätte. Das war, wieso sie mir in erster Linie auffiel. Im nächsten Augenblick bemerkte ich ihren Körper. Sie war dürr. Nicht schlank; Dürr. Abgemagert – nur noch Haut und Knochen.
Ihre Gestalt war zierlich. Geradezu zerbrechlich. Ihre im Gang hin und her wehenden Hosenbeine wirkten irgendwie surreal an ihren dünnen knochigen Beinen. So als würde sie etliche Nummern zu groß tragen. Ihre Schlüsselbeine stachen scharf unter ihrer Haut hervor, bildeten einen beunruhigend stimmigen Kontrast zu ihrem ausgemergelten Gesicht. Am Rücken über ihrem Jäckchen zeichneten sich ihre Schulterblätter ab. Weibliche Kurven wie einen Po oder Brüste suchte man an diesem gar kindlich wirkenden Körper vergebens.
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| Aci, die nicht so recht weiß was sie von ihrer Reaktion jetzt eigentlich halten soll. |
Meine Stimmung schlug schlagartig um und ich sagte zu meiner Beifahrerin "Schau mal, die arme Frau hat wohl ein Magersucht-Problem..".
Ich empfand auf einmal großes Mitleid. Die Geschichte die ihr ins Gesicht geschrieben steht bewegte mich. Was muss diese Frau in ihrem Leben wohl durchgemacht haben?
Und dann passierte mir etwas Bemerkenswertes. Mir wurde bewusst, dass ich in dem Moment genau so reagiert habe, wie wohl die Mehrheit der Gesellschaft reagieren würde – eine Reaktion, die ich eigentlich verurteile.
Ich habe immer gesagt - und dazu stehe ich auch nach wie vor: Dicke, wirklich krankhaft dicke, adipöse Menschen bemitleidet auch keiner, wenn man sie auf der Straße sieht. Und die Wenigsten fragen sich, was für einen Weg so eine Person in ihrem Leben wohl schon gegangen ist. Da denken die Meisten höchstens "Wie kann man nur so fett werden" oder "Wie undiszipliniert muss man sein..". Manchmal auch schlicht "Bäh, sieht der eklig und unästhetisch aus.".
Es hat mich immer gestört, dass in unserer Gesellschaft Magersucht und – um das Gegenwort zu benutzen – Fettsucht nicht auf einer Stufe stehen.
Beides sind schwierige, tückische Krankheiten die im schlimmsten Falle zum Tod führen können. Beides sind Krankheiten, die sich nicht so einfach überwinden lassen, die in der Regel mit einer Essstörung einhergehen. Die sich nicht einfach "abstellen" lassen. Ein essgestörter Mensch kann nicht einfach auf den Umgang mit Nahrung verzichten, so wie ein Alkoholiker auf den Alkohol. Er muss sich langsam an das Thema herantasten und sich selbst umerziehen, den richtigen und verantwortungsvollen Umgang mit dem Essen erst wieder erlernen.
Für mich ist es eigentlich egal, ob ein Mensch übergewichtig ist oder eben untergewichtig. Beide Extreme müssen sich durchs Leben kämpfen, mit einer Krankheit die, jede auf ihre eigene Weise, die Lebensqualität des Betroffenen stark einschränkt oder manchmal ganz und gar kostet.
Leider ist es dennoch so, dass in unserer Gesellschaft die Unterernährten oft mehr Verständnis und Mitgefühl erhalten, als die Übergewichtigen. Weil Anorexie eher als Krankheit anerkannt wird, als Adipositas. Oder sollte man besser sagen, weil Anorexie gesellschaftsfähiger ist als Adipositas? Vermutlich könnte man es so ausdrücken. Und genau das finde ich nicht richtig und zutiefst verwerflich.
Trotzdem hab ich mich heute Morgen also darin erwischt, eine fremde offenbar magersüchtige Frau zu bemitleiden. Es wäre mir jetzt aber noch nie bewusst aufgefallen, dass ich jemals so sehr einen fremden dicken Menschen bemitleidet hätte, der mir auf der Straße aufgefallen ist. Dafür schäme ich mich jetzt.
Dabei weiß ich vermutlich besser als jeder andere, welche tragischen Geschichten sich manchmal hinter dem Dicksein verbergen können..
Jetzt ärgere ich mich über mich selbst. Weil in mir heute quasi genau das Denkmuster abgelaufen ist, dass die Masse unserer Gesellschaft gerne lebt, was uns von den Medien suggeriert wird und das ich auf keinen Fall annehmen will.
Ich möchte keinen Unterschied machen!
Ich möchte nicht Magersucht auf eine höhere Stufe stellen als Fettsucht. Ich möchte nicht das eine als Krankheit anerkennen und das andere einfach mit mangelnder Disziplin abtun. Ich möchte nicht, dass das eine mehr oder weniger meiner Aufmerksamkeit erhält, als das andere.
Ich möchte keinen Unterschied machen, weil es keinen gibt.
Wie war das nochmal mit der Doppelmoral? ;)
Wie war das nochmal mit der Doppelmoral? ;)
Woher kommt es also, dass in unserer Gesellschaft magersüchtige Mitbürger mehr Anteilnahme und Verständnis erhalten als Übergewichtige?
Und warum in aller Welt brennt sich dieses 08/15-Denken der Gesellschaft so sehr in die Köpfe der Menschen, dass selbst die dann gelegentlich davon überrumpelt werden, die eigentlich einen ganz anderen Blick auf die Dinge haben?





