Mittwoch, 5. Juni 2013

Die Frau an der Tanke oder: Anorexie vs. Adipositas

Wie einige aus meinem Beitrag "Der Mann an der Tanke" vielleicht schon wissen, führt mein morgendlicher Weg zur Arbeit an einer Tankstelle vorbei. Ab und an fällt mein Blick dann auf Passanten die sich dort aufhalten. So auch wieder heute.

Ich sah eine Frau, die wunderschön gepflegte lange lockige Haare hatte. Haare, wie ich sie selbst gerne hätte. Das war, wieso sie mir in erster Linie auffiel. Im nächsten Augenblick bemerkte ich ihren Körper. Sie war dürr. Nicht schlank; Dürr. Abgemagert – nur noch Haut und Knochen. 

Ihre Gestalt war zierlich. Geradezu zerbrechlich. Ihre im Gang hin und her wehenden Hosenbeine wirkten irgendwie surreal an ihren dünnen knochigen Beinen. So als würde sie etliche Nummern zu groß tragen. Ihre Schlüsselbeine stachen scharf unter ihrer Haut hervor, bildeten einen beunruhigend stimmigen Kontrast zu ihrem ausgemergelten Gesicht. Am Rücken über ihrem Jäckchen zeichneten sich ihre Schulterblätter ab. Weibliche Kurven wie einen Po oder Brüste suchte man an diesem gar kindlich wirkenden Körper vergebens.

Aci, die nicht so recht weiß
was sie von ihrer Reaktion
jetzt eigentlich halten soll.
Meine Stimmung schlug schlagartig um und ich sagte zu meiner Beifahrerin "Schau mal, die arme Frau hat wohl ein Magersucht-Problem..". 

Ich empfand auf einmal großes Mitleid. Die Geschichte die ihr ins Gesicht geschrieben steht bewegte mich. Was muss diese Frau in ihrem Leben wohl durchgemacht haben?

Und dann passierte mir etwas Bemerkenswertes. Mir wurde bewusst, dass ich in dem Moment genau so reagiert habe, wie wohl die Mehrheit der Gesellschaft reagieren würde – eine Reaktion, die ich eigentlich verurteile. 

Ich habe immer gesagt - und dazu stehe ich auch nach wie vor: Dicke, wirklich krankhaft dicke, adipöse Menschen bemitleidet auch keiner, wenn man sie auf der Straße sieht. Und die Wenigsten fragen sich, was für einen Weg so eine Person in ihrem Leben wohl schon gegangen ist. Da denken die Meisten höchstens "Wie kann man nur so fett werden" oder "Wie undiszipliniert muss man sein..". Manchmal auch schlicht "Bäh, sieht der eklig und unästhetisch aus.".

Es hat mich immer gestört, dass in unserer Gesellschaft Magersucht und – um das Gegenwort zu benutzen – Fettsucht nicht auf einer Stufe stehen. 

Beides sind schwierige, tückische Krankheiten die im schlimmsten Falle zum Tod führen können. Beides sind Krankheiten, die sich nicht so einfach überwinden lassen, die in der Regel mit einer Essstörung einhergehen. Die sich nicht einfach "abstellen" lassen. Ein essgestörter Mensch kann nicht einfach auf den Umgang mit Nahrung verzichten, so wie ein Alkoholiker auf den Alkohol. Er muss sich langsam an das Thema herantasten und sich selbst umerziehen, den richtigen und verantwortungsvollen Umgang mit dem Essen erst wieder erlernen.

Für mich ist es eigentlich egal, ob ein Mensch übergewichtig ist oder eben untergewichtig. Beide Extreme müssen sich durchs Leben kämpfen, mit einer Krankheit die, jede auf ihre eigene Weise, die Lebensqualität des Betroffenen stark einschränkt oder manchmal ganz und gar kostet. 

Leider ist es dennoch so, dass in unserer Gesellschaft die Unterernährten oft mehr Verständnis und Mitgefühl erhalten, als die Übergewichtigen. Weil Anorexie eher als Krankheit anerkannt wird, als Adipositas. Oder sollte man besser sagen, weil Anorexie gesellschaftsfähiger ist als Adipositas? Vermutlich könnte man es so ausdrücken. Und genau das finde ich nicht richtig und zutiefst verwerflich.

Trotzdem hab ich mich heute Morgen also darin erwischt, eine fremde offenbar magersüchtige Frau zu bemitleiden. Es wäre mir jetzt aber noch nie bewusst aufgefallen, dass ich jemals so sehr einen fremden dicken Menschen bemitleidet hätte, der mir auf der Straße aufgefallen ist. Dafür schäme ich mich jetzt.

Dabei weiß ich vermutlich besser als jeder andere, welche tragischen Geschichten sich manchmal hinter dem Dicksein verbergen können..

Jetzt ärgere ich mich über mich selbst. Weil in mir heute quasi genau das Denkmuster abgelaufen ist, dass die Masse unserer Gesellschaft gerne lebt, was uns von den Medien suggeriert wird und das ich auf keinen Fall annehmen will.

Ich möchte keinen Unterschied machen! 

Ich möchte nicht Magersucht auf eine höhere Stufe stellen als Fettsucht. Ich möchte nicht das eine als Krankheit anerkennen und das andere einfach mit mangelnder Disziplin abtun. Ich möchte nicht, dass das eine mehr oder weniger meiner Aufmerksamkeit erhält, als das andere. 

Ich möchte keinen Unterschied machen, weil es keinen gibt.
Wie war das nochmal mit der Doppelmoral? ;)

Woher kommt es also, dass in unserer Gesellschaft magersüchtige Mitbürger mehr Anteilnahme und Verständnis erhalten als Übergewichtige? 

Und warum in aller Welt brennt sich dieses 08/15-Denken der Gesellschaft so sehr in die Köpfe der Menschen, dass selbst die dann gelegentlich davon überrumpelt werden, die eigentlich einen ganz anderen Blick auf die Dinge haben?

Kommentare:

  1. Du sprichst mir aus der Seele, wunderbar geschrieben. Habe deinen Beitrag mal geteilt ;)

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  2. Super Text !
    Ich kenn solche Situationen nur zu gut.
    LG

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  3. Echt gut geschrieben, wirklich interessant den ganzen Artikel zu lesen. Leider hast du Recht - Dicke werden nie, nie nie nie, bemitleidet... Und das, obwohl - wie du ja auch sagst - beides Krankheiten sind und bei beiden Krankheiten die Menschen, die daran leiden, vielerlei durchmachen mussten. Ich hoffe, dass du wenigstens ein paar Leuten die Augen oeffnen kannst :)

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  4. Das hast du wirklich wunderbar geschrieben. :)

    Heutzutage ist dieses Verhalten ja leider weit verbreitet.
    Ich denke, das liegt einfach daran, dass Dünn sein als 'schön' angesehen wird, modern und okay, dick sein aber offenbar abstoßend wirkt, weil sämtliche Stars und Models bis auf einige Ausnahmen (wie beispielsweise Beth Ditto, eine wundervolle Frau wie ich finde), einfach als Standardform funktionieren. Und diese unterliegt dem Magerwahn.

    Krankheiten wie Magersucht, Bulimie und Depressionen sind scheinbar zum Trend geworden, zumindest fällt es auf, wie viele junge Menschen davon betroffen sind (auch von 'Fake'-Depressionen), aber die Übergewichtigen werden überhaupt nicht als 'erkrankt' angesehen. Ich verstehe das nicht.

    Unsere Gesellschaft ist extrem auf Schönheit ausgerichtet, ich finde es aber falsch, nur dünne Menschen als schön anzusehen. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, klar, aber Unter- sowie Übergewichtige können schön sein, außen und innen.

    Ich hasse die Richtung, in die wir Menschen steuern.

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  5. Hi,
    es ist richtig, dass beides Krankheiten sind. Und beide verdienen ebenso viel Aufmerksamkeit. Man muss wohl die Geschichte der einzelnen Menschen kennen um dahinter zu kommen warum sie magersüchtig oder fettsüchtig sind. Ich denke mal hier in Österreich ist es genauso. Magersüchtige werden eher bemitleidet als fettsüchtige Menschen.
    Woher das kommt ist für mich schon klar. In den Medien wird immer wieder gezeigt, dass man gegen Fettsucht etwas tun kann. Diäten, Sport, Ernährungsumstellung bla bla bla...als ob das Krankheiten wirklich heilen könnte. Da steckt natürlich viel mehr dahinter. Die Menschen glauben, man kann wirklich etwas dagegen tun wenn man will.
    Bei Magersucht jedoch, was kann man da machen? Man kann sich irgendwo ärztlich behandeln lassen. So wird es den Menschen vorgekaut und so glauben sie es auch.
    Um beides auf eine gleiche Ebene zu stellen müssten Menschen nachdenken. Du hast es gemacht. Es gibt keinen Grund dich über dich selbst zu ärgern. Wann Momente der Erkenntnis kommen wissen wir nicht denke ich. Bei vielen Menschen nie. Bei dir aber schon, weil du eben ein denkender Mensch bist.
    Freut mich, dass jemand mal dieses Thema aufgegriffen hat.
    lg
    Danny

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  6. Hey, ih finds super dass du das ansprichst und ich finde nicht dass du dich über deine Denkweise ärgern solltet, denn schließlich hast du im Anschluss auch darüber nochmal nach gedacht und es für dich persönlich als Falsch erklärt.

    Ich denke auch dass "Dicke" nun mal nicht als krank angesehen werden,da sie ja wie alle so schön sagen selbst schuld daran sind dass sie so fett sind.Die Dicken sind ja generell auch immer direkt ekelhaft,fressen und stinken.So wird es ja gesagt.
    Aber das Magersüchtige einen Pelz bekommen weil sie sonst frieren,weil ihnen die Haare ausfallen usw das bedenkt niemand.Auch die herausstehenden Knochen mit denen sie überall anecken sind egal im Gegensatz zum Fett was ja auch spritzt und zum braten benutzt wird und was ja allgemein sowieso ungesund ist...
    schrecklich,einfach schrecklich finde ich das!
    Jeder hat seine eigene Meinung zur Schönheit,aber sollten wir nicht alle etwas schönes haben und in anderen Menschen finden egal ob dick,dünn,groß oder klein?
    Darauf können wir die Menschen doch nicht reduzieren!?

    Schade dass ich nie solche Leute wie euch hier treffe,die so eine schöne Denkweise haben und ich sie nur im Internet lese.

    liebe Grüße

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  7. wow wahrhaft wahre Worte. Das kann ich nur unterstreichen.
    Mehr fällt mir dazu auch nicht ein, alle und dein Beitrag voran haben sicher alles angesprochen.

    Lieben Gruß Gisela

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  8. Das hast du mal wieder echt super geschrieben, ganz toll. das ist ein so wichtiges Thema mit dem sich wenige auseinander setzen..

    Du kennst mich ja auch und gerade jetzt wo ich abnehme hab ich immer noch das Gefühl das Leute mit ekelig finden egal ob ich schon viel weniger Wiege. Die blicke sind oft verletzend und abwertend aber magersüchtige werden immer so bemitleidet..

    Ich liebe deine Gedanken so sehr ^^

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  9. Du hast Recht, ich finde auch unheimlich, dass das ein Problem ist.
    Was ich jedoch hingegen finde ist, dass Menschen mit Magersucht unglaublich "gefördert" werden. Schau dir mal die Models an - tagtäglich entdeckt man im Internet Fotos von "Models", welche nur noch aus Haut und Knochen bestehen und darauf stolz sind. Da kommt kein "Ih, wie ekelig da sieht man die Knochen." Da kommt ein: "Oh wie schön, ich wäre auch gerne so dünn!". Es ist nur noch schrecklich! Kennst du das Video "I could be the one" von Avicii & Nicki Romeo? In Schau dir das Mal an & lies dir die Kommentare durch. Da kommt sowas "Bah, ist die Dicke hässlich, wie kann man nur so ein Video machen" usw...

    XOXOXOXOXO

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  10. Erstmal möchte ich mich bei allen die hier kommentiert haben, wirklich aufrichtig bedanken! Toll, dass mein Posting so viel Anklang findet und ich mit meiner Meinung nicht alleine bin. Ihr habt mich mit den vielen positiven Rückmeldungen wirklich überrascht. Vielen Dank! :)

    Bei Gelegenheit werde ich noch individuell auf jeden Kommentar eingehen, hab nur gerade ein kleines Zeitmanagement-Problem. ;)

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  11. Toller Post! Schön dass du dich mit solch dingen beschäftigst. Ich denke, was man auch nicht vergessen darf, Dünne Menschen, werden immer mit Disziplin, Selbstbeherrschung und einem starkem Charakter assoziiert. Sie leben gesund, sind aktiv, Selbstbewusst und so weiter. Bei Dicken hingegen wird tatsächlich genau das Gegenteil behauptet. Und wer will den mit trägen Menschen zu tun haben? Dass soll jetzt keine Verurteilung gegenüber Dicken sein- ich bins ja auch selber^^ Es ist die Meinung und das Bild vieler anderer. Ich finde es sehr schade, dass Schönheit so eingeschränkt sein muss und man erst fast magersüchtig sein muss um Anerkennung zu bekommen. Ich finde weder Mager- noch Fettsucht schön, viel wichtiger ist die Ausstrahlung eines Menschen, damit habe auch ich gute Erfahrungen gemacht. Jemanden auf sein Gewicht zu reduzieren ist unreflektiert und egoistisch. Es gibt sehr viele dünne wie auch dicke Menschen die einfach wunderbar sind. Und mal zur Aufmunterung der Übergewichtigen:
    Ein großes Herz braucht viel Platz und von einem guten Menschen muss es viiel geben :)

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